13.01.2012

Leben im Schnee

Bei Waldwanderungen an warmen Winternachmittagen lohnt es sich, die Augen offen zu
halten – mit einiger Übung wird man allerlei Getier im Schnee entdecken, bei Neuschnee ist das Auffinden leichter. Die meisten Tiere sind zwar winzig, aber oft von ungewöhnlicher Gestalt und manchmal so zahlreich, dass sich der Schnee grau färbt.
Also Augen auf – eine Lupe ist hilfreich!            
       

Springschwänze (Collembolen) leben im Bodenstreu, auf Bäumen, im Kompost und sogar in Blumentöpfen. Einige Arten sind auch oder vor allem in der kalten Jahreszeit bei Temperaturen über -3°C aktiv. Diese etwa 1mm großen, flügellosen winteraktiven Urinsekten ernähren sich vor allem von einzelligen Algen, die auf Baumstämmen, Totholz und anderen Oberflächen wachsen. Auf Grund der oft hohen Individuenzahl von mehreren Hunderttausend sind sie gezwungen, auf der Suche nach neuen Nahrungsquellen Schneefelder zu überqueren. Dabei verfärben sie den Schnee grau, manchmal sogar schwarz. Sie bewegen sich 0,3 bis 3 m pro Stunde fort, bei Gefahr können sie mit Hilfe ihrer Sprunggabel am Hinterleib mehre Zentimeter weit springen („Schneeflöhe“). Vor dem Erfrieren schützen sie sich durch Antifreeze-Proteine, das sind kleine Eiweißmoleküle, die sich im Körper sofort an keimende Eiskristalle anlagern und so das weitere Wachstum hemmen.


Unvergleichlich mehr Forschergeist verlangt die Entdeckung der Schneeschnake bzw. Schneefliege (Chionea sp.). Nur die Schwingkölbchen, das zu Sinnenorganen (Flugsteuerung) umgewandelte zweite Flügelpaar aller Zweiflügler, verraten die systematische Zuordnung dieser etwa 4 mm großen, flügellosen Stelzmücke. Erwachsene Individuen findet man im Winter auf Schnee. Im unterkühlten Zustand können sie bis – 6°C aktiv sein. Wird es kälter, müssen sie sich in wärmere Nischen verkriechen, sonst erfrieren sie.


 

 

 

 

 

 

 

Beim Winterhaft oder Schneefloh (Boreus westwoodi) fällt die Fortpflanzungszeit ebenfalls in die Wintermonate. Er ist ein 3,5 mm großer, metallisch glänzender Vertreter der Ordnung der Schnabelfliegen, der im Moos lebt, aber selbst bei Temperaturen um den Gefrierpunkt Schneefelder überquert. Nur Männchen tragen noch sichelförmig gebogene Flügelstummel (Bild links), Weibchen sind flügellos. Trotz seiner zarten Beinchen kann er 20-30 cm weit springen, um einer Gefahr zu entkommen. Hilft das nicht, stellt er sich tot.


 

 

 

 

 

 

 

 

Die an kleine Schnaken erinnernden Wintermücken (Trichocera sp.) fallen an milden Nachmittagen zwischen Herbst und Frühjahr durch auf- und abschwingendeTanzflüge auf (Bild links). Die kälteresistenten Mücken kommen in den Alpen bis ins Hochgebirge vor und schützen sich vor Frost  (wie viele Insekten und Spinnentiere) durch Eilagerung Gycerin-ähnlicher Substanzen, die ein Frieren ihrer Körperflüssigkeiten verhindern. Durch die dunkle Farbe können sie die Wintersonne zur Erwärmung ihres Körpers nutzen und bereits bei tiefen Temperaturen aktiv sein. Regelmäßig sind Wintermücken an der Schneeoberfläche zu beobachten.


Lepthyphantes cristatus                     Neriene radiata

Die meisten heimischen Spinnen überwintern inaktiv an geschützten Stellen, einige überleben sogar Temperaturen von -20°C. Winteraktive Spinnen, wie z.B. etliche Baldachinspinnen (bekannt von den mit Tau benetzten, baldachinförmigen Netzen im Herbst) sterben hingegen schon bei -7°C. Sie sind aber bereits bei Temperaturen um den Gefrierpunkt voll aktiv, wie z.B. die 2-3 mm große Lepthyphantes cristatus, die in Schneevertiefungen (z.B. Fußspuren) Netze anlegt, um Springschwänze zu fangen.


Bei ausgeprägten winterlichen Warmfronten werden auch Weberknechte aktiv, aber auch Käfer, Wanzen und Fliegen, die zu früh aus ihrer Winterruhe erwachen. Selbst Regenwürmer sind dann am Schnee zu finden. Die im Winter aktiven Insekten und Spinnen, aber auch solche, die sich im Starrezustand in Ritzen verkriechen, sind unverzichtbare Nahrungsgrundlage von Insekten fressenden Vögeln, die nicht in den Süden gezogen sind (z.B. Goldhähnchen, Meisen).

Vierpunkt-Fadenkanker                         Waldgroßauge

Bilder: www.focusnatura.at     
                                                            
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